Praktische Tests der Psychotherapie-KI-Tools

Rollenspiel einer verhaltenstherapeutischen Sitzung

Die Dokumentationen eines Rollenspiels habe ich von Copilot auswerten lassen. Resultat:

Im Praxistest zeigen die elf Dokumentationstools insgesamt eine hohe Übereinstimmung bezüglich der zentralen Inhalte der Sitzung. Sämtliche Systeme identifizieren die erneut aufgetretene Panikattacke als Kernthema und erfassen konsistent die wesentlichen Symptome: Schwitzen, Herzklopfen, Brustenge, starke Angst beziehungsweise Panik sowie das beschriebene Unwirklichkeitserleben (Derealisation). Ebenso wird von allen Tools die gedankliche Eskalation erkannt, insbesondere die Befürchtung eines Herzinfarkts. Auch die Bewältigungsstrategie des Patienten, nämlich das Verlassen der Situation und das Trinken von Wasser, wird durchgängig als kurzfristig wirksam und entlastend dokumentiert.

Die größten Unterschiede zeigen sich in der Art der Aufbereitung und Interpretation. PlaynVoice, Curala und DokuDachs orientieren sich eng am Gesprächsverlauf und bilden die geschilderte Ereigniskette besonders detailliert und nachvollziehbar ab. Sie dokumentieren Symptome, Gedanken, Gefühle und Verhalten nahezu chronologisch und bleiben dabei nahe an den Originalaussagen des Patienten.

VIA, LumaNote, Doculina und teilweise Clarathy gehen einen Schritt weiter und ordnen die Inhalte stärker in verhaltenstherapeutische Modelle ein. Besonders VIA nutzt mit dem SORKC-Schema eine explizite funktionale Analyse der Situation und beschreibt kurz- und langfristige Konsequenzen des Verhaltens. DokuDachs verfolgt einen ähnlichen Ansatz mit Fokus auf Sicherheits- und Vermeidungsverhalten. Diese Tools liefern dadurch die stärkste therapeutische Konzeptualisierung.

Isaac und Theradocx orientieren sich hingegen an klassischen klinischen Dokumentationsstandards. Ihre Berichte sind stärker an Anamnese, Psychostatus, Beurteilung und weiterem Vorgehen ausgerichtet. Dadurch wirken sie professionell-medizinisch, erfassen jedoch teilweise weniger Prozessdetails der Sitzung. Psynex verfolgt einen ähnlichen Ansatz, erweitert diesen aber um Risikoeinschätzung, Therapieplanung und diagnostische Überlegungen.

Neoscript nimmt eine Mittelposition ein. Die Zusammenfassung ist sachlich, klar strukturiert und vollständig, verzichtet jedoch weitgehend auf tiefergehende therapeutische Interpretation. Das Tool konzentriert sich stärker auf die Rekonstruktion des Geschehens und den dokumentierten Gesprächsinhalt.

Auffällig ist zudem, dass einige Systeme über den eigentlichen Gesprächsinhalt hinausgehen. LumaNote und Psynex ergänzen beispielsweise Interventionen, Hausaufgaben oder Behandlungspläne, die im Transkript nur teilweise oder gar nicht erwähnt wurden. Andere Tools, insbesondere Curala und Doculina, kennzeichnen solche Informationslücken explizit und bleiben dadurch näher an den tatsächlich verfügbaren Daten.

Insgesamt liefern alle elf Tools eine zuverlässige Erfassung der Kerninformationen. Die Unterschiede liegen weniger in der inhaltlichen Genauigkeit als vielmehr im Dokumentationsstil: von einer möglichst transkriptnahen Zusammenfassung über verhaltenstherapeutische Fallkonzeptualisierungen bis hin zu einer klassischen klinischen Verlaufsdokumentation.

Verlängerungsbericht nach 30 Sitzungen

Einen weiteren Vergleich habe ich mit denjenigen Tools gemacht, die einen Verlängerungsbericht für die Schweizer Krankenkassen hinterlegt haben. Resultat:

Die vier Tools kommen in ihrer diagnostischen Einschätzung zu bemerkenswert ähnlichen Ergebnissen. Alle empfehlen die Fortsetzung einer ambulanten kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlung mit Schwerpunkt auf Exposition, Abbau von Sicherheitsverhalten und Rückfallprophylaxe. Auch die Prognose wird übereinstimmend als günstig eingeschätzt, vor allem aufgrund der hohen Motivation des Patienten und seiner stabilen sozialen Situation.

Die Unterschiede liegen vor allem im Detaillierungsgrad und der formalen Ausgestaltung. Playnvoice erstellt den umfangreichsten und narrativsten Bericht. Es liefert zusätzliche biografische Hypothesen, beschreibt aufrechterhaltende Mechanismen ausführlich und formuliert einen vollständigen Verlängerungsantrag in gutachterlicher Sprache. VIA wirkt ebenfalls sehr detailliert, geht jedoch stärker diagnostisch und verhaltenstherapeutisch vor. Es ergänzt Differentialdiagnosen, benennt konkrete therapeutische Interventionen und beschreibt Ressourcen des Patienten systematisch.

Doculina formuliert deutlich kompakter und orientiert sich eng an einem schweizerischen Antragsformular. Positiv hervorzuheben ist die Einbindung konkreter Fragebogenbefunde. Gleichzeitig fällt auf, dass der Bericht an mehreren Stellen unvollständig bleibt und KI-Platzhalter enthält, die noch manuell ergänzt werden müssten. Neoscript liefert die knappste und am stärksten strukturierte Zusammenfassung. Die zentralen Informationen werden korrekt wiedergegeben, jedoch mit weniger klinischer Tiefe und ohne die ausführliche Herleitung diagnostischer oder therapeutischer Überlegungen.

Die Erfahrungen von Therapeut:innen

Im März 2026 habe ich im Rahmen eines Workshop mit vier Psychotherapeut:innen die folgenden fünf Tools ausprobiert: PlaynVoice, VIA, neoscript, Curala, LumaNote. Bei der Protokollierung dieses Rollenspiels haben sich gemäss den Workshop-Teilnehmenden PlaynVoice und VIA als Testsieger herausgestellt.

In einem weiteren Workshop mit vier Psychotherapeut:innen im Juni 2026 haben wir verglichen: PlaynVoice, VIA, neoscript, Doculina und Curala. Gemäss den Workshop-Teilnehmenden haben dieses Mal VIA und Doculina besonders adäquat zusammengefasst 

Auf mdai.ch findest du ein Verzeichnis von öffentlich bekannten Einsatzorten von KI-Tools in der Schweiz. Auch das kann ein Ansatzpunkt sein, um Erfahrungen anderer einzuholen, vor allem für Institutionen und Gruppenpraxen.